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Der Alzheimer Gesellschaft Mittelhessen e.V. wurde am 14.02.2006 der „Altenpflegepreis 2006“ verliehen
"Den meisten von Ihnen, meine Damen und Herren, wird der Name „Winston Churchill“ sicherlich etwas sagen. Den einen, weil er mit so manchem bemerkenswerten Satz in unseren kollektiven Zitatenschatz Einzug gehalten hat. Den anderen, weil er sich als eine Art Botschafter des guten Geschmacks um den Siegeszug der Zigarre verdient gemacht hat. Und dritten wiederum, weil er das Kunststück fertig gebracht hat, gleich zweimal als englischer Premierminister die Geschicke seines Landes zu lenken – zwischen 1940 und 1945 nämlich und von 1951 bis 1955.
Winston Churchill ist beileibe kein Einzelfall. Immer wieder hat es – in unterschiedlichsten Bereichen des öffentlichen Lebens – Menschen gegeben, die zu besonderen Leistungen fähig sind und dafür gleich mehrmals mit ein und demselben hohen Amt oder ein und demselben renommierten Preis ausgezeichnet wurden. Ulrike Meyfahrt hat bei den Olympischen Spielen zwei Mal die Goldmedaille im Hochsprung gewonnen – 1972 als 16-Jährige und 1984 zum Ende ihrer Karriere. Der Schauspieler Jack Nicholson hat im Laufe von 22 Jahren gleich dreimal den begehrten „Oscar“ bekommen: 1975, 1983 und 1997. Madame Curie hat als erste Frau der Welt gleich zwei Nobelpreise einheimsen können - 1903 den für Physik, 1911 den für Chemie. Und Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg hat den vermutlich auf ewig unumstößlichen Rekord aufgestellt, nach seiner erstmaligen Wahl 1972 gleich achtmal in der Funktion des Stadtoberhauptes bestätigt worden und deshalb nach 34 Dienstjahren noch immer in Amt und Würden zu sein.
Warum ich Ihnen das alles erzähle? Ganz einfach. Im nunmehr 17. Jahr des Wettbewerbs um den „Altenpflegepreis“ des Vincentz Network hat erstmals eine Einrichtung gewonnen, die den Preis zuvor schon einmal zugesprochen bekommen hat. Seinerzeit, im Jahr 1995, hat die Jury das Haus für sein menschenwürdiges Pflegekonzept ausgezeichnet, diesmal für ein vorbildliches und besonders gelungenes Beispiel präventiver pflegerischer Arbeit ( => Bericht über die Arbeit des Tageszentrums (Altenpflegepreis 1995) ).
Der mit
5 000 Euro dotierte „Altenpflegepreis 2006“ geht an das „Alzheimer Tageszentrum“ in Wetzlar für sein Projekt => „Dehydrationsprophylaxe bei demenzkranken Menschen“.
Um es gleich vorweg zu sagen: Sonderlich schwer ist der Jury die Entscheidung diesmal nicht gefallen. Erstens war die Resonanz auf die Ausschreibung des Preises und auf das Wettbewerbs-Motto „In guten Händen - Mit Prophylaxe zu mehr Lebensqualität“ deutlich geringer als in den Vorjahren – mit konkreter pflegerischer Praxis tut sich die Branche offensichtlich schwerer als mit abstrakter Theorie. Und zweitens war das Niveau der Einsendungen diesmal eher bescheiden – stur die Maßgaben etwa des „Expertenstandards Dekubitusprophylaxe“ herunterzubeten und zu erfüllen, ist zwar lobenswert und gut, für den Gewinn eines derartigen Preises aber sicher nicht gut genug. Dabei wäre mit Ideenreichtum, Fantasie, Freude so einiges mehr möglich, wie das Team des „Alzheimer Tageszentrums“ nachhaltig unter Beweis gestellt hat. Eigentlich tun die Pflegekräfte in Wetzlar gar nichts Weltbewegendes, sondern eher Selbstverständliches: Sie sorgen dafür, dass jeder ihrer demenzkranken Tagesgäste ausreichend zu trinken bekommt. Doch angesichts der traurigen Tatsache, dass in deutschen Altenpflegeeinrichtungen Jahr für Jahr Hunderte von pflegebedürftigen Menschen austrocknen und verdursten, ist ihre Arbeit und die einfallsreiche, spielerische und engagierte Art und Weise, in der sie diese tun, gar nicht hoch genug einzuschätzen.
24 demenzkranke Frauen und Männer zwischen 65 und 93 Jahren kommen an fünf Tagen in der Woche ins Tageszentrum in Wetzlar, das die „Alzheimer Gesellschaft Mittelhessen“ betreibt. 80 bis 90 Prozent von ihnen bedürfen einer besonderen Motivierung zum Trinken. Die alten Menschen nehmen sich überwiegend als gesund wahr, als kompetent, als nicht hilfebedürftig und sind sich stets sicher, ausreichend getrunken zu haben. Über Erinnerungen allerdings, wann sie das letzte Glas Wasser oder die letzte Tasse Tee zu sich genommen haben, verfügen sie nicht. „Demenzkranke Menschen reagieren oft äußerst empfindlich auf jede Form von Bevormundung“, sagt Bettina Rath, Gründerin und noch immer Spiritus Rector des Tageszentrums, „sie wehren sich mit aller Kraft gegen Fremdbestimmung und Übergriffigkeit, sei sie auch noch so liebevoll und vorsichtig formuliert.“
Mit Sätzen wie „Jetzt trinken Sie doch bitte Ihr Glas leer!“ oder klugen Hinweisen auf die negativen Folgen unzureichender Flüssigkeitszufuhr kommt man bei Demenzkranken nicht weiter. Also haben die Teammitglieder des Tageszentrums ihre Kreativität spielen lassen und sich Möglichkeiten ausgedacht, wie sie ihre trinkunwilligen und beratungsresistenten Gäste vielleicht doch zu einem Gläschen Apfelschorle oder zu einer Tasse koffeinfreien Kaffees bewegen können:
* Erste Idee: Beim regelmäßigen Singen, beim Mittagessen, beim Kaffeetrinken heißt es nicht immer, aber immer öfter: „Prost, Herr Müller!“ oder: „Zum Wohlsein, Frau Schneider!“ Eine Form der Animation, die funktioniert. „Wir haben uns die Lebenserfahrung der demenzkranken Menschen zu Nutze gemacht“, sagt Altenpflegerin Marga Lieb, „die haben es wahrscheinlich ihr Lebtag als unhöflich empfunden, nicht auch das Glas zu erheben, wenn ihnen der Tischnachbar zuprostet.“
* Zweite Idee: Beim Zusammensitzen in geselliger Runde heißt es nicht ständig, aber immer häufiger: „Ist Ihnen der Kaffee zu heiß, Herr Krüger?“ oder: „Ist Ihnen Ihr Saft süß genug, Frau Gerhardt?“ Eine Fragestellung, die in der Regel den gewünschten Effekt zeitigt. „Wenn der Tischnachbar fragt, wie mir das Getränk schmeckt, das ich bestellt habe“, sagt Krankenschwester Uta Otto, „dann sind auch Demenzkranke oft bereit es zu probieren, um ihm eine Antwort geben zu können.“
* Dritte Idee: Beim Erzählen oder Spielen heißt es über den Tag verteilt nicht permanent, aber immer mal wieder: „Wir möchten schnell mal das Geschirr spülen, Frau Wagner, würden Sie wohl bitte Ihr Glas austrinken?“ Eine Taktik, die meistens aufgeht. „Die alten Menschen haben es in ihrem Leben stets als Gebot der Höflichkeit angesehen, einer derartigen Bitte nachzukommen“, sagt Krankenschwester Brigitte Lotz, „sie sind es aus der eigenen Familie gewohnt oder vielleicht auch aus der Gaststätte, wenn der Wirt sein Lokal schließen will und darum bittet, das Glas leer zu trinken.“
Derartige „Psychotricks“ stellen jedoch nur einen kleinen Teil der Maßnahmen dar, die das Team des „Alzheimer Tageszentrums“ in Wetzlar anwendet, um seine demenzkranken Gäste vor einer möglichen Dehydration zu bewahren. Der Rest ist sorgfältige und akribische, systematische und wohl überlegte Arbeit.
+ So erstellen die Mitarbeiter für jeden Tagesgast einen umfassenden Erfassungsbogen über individuelle Trinkgewohnheiten. Darin dokumentieren sie, ob der demenzkranke Mensch Tee trinkt oder nicht. Ob er seinen Kaffee schwarz oder mit Milch zu sich nimmt, mit oder ohne Zucker, mit oder ohne Süßstoff. Ob er Saft lieber pur trinkt oder lieber als Schorle. Ob er Lieblingsgetränke hat. Ob es Getränke gibt, die er überhaupt nicht mag. Ob er selbstständig trinkt oder Hilfe benötigt. Wie das Trinkgefäß beschaffen sein sollte und wo es tunlichst zu stehen hat.
+ Für jeden Tagesgast legen die Mitarbeiter eine Checkliste zum Hilfebedarf beim Trinken an. Darin notieren sie, ob der jeweilige Demenzkranke beim Trinken ein Hilfsmittel wie etwa einen Löffel oder einen Strohhalm benötigt. Mit welcher Flüssigkeitsmenge ein Glas bzw. eine Tasse gefüllt sein sollte. Welche Temperatur das jeweilige Getränk haben sollte. Ob der Tagesgast unter Schluckstörungen leidet und ein Getränk deshalb angedickt werden muss oder nicht. Ob er einen besonderen Platz zum Trinken benötigt oder einen besonderen Schutz vor Verunreinigungen. Ob er wegen anderer Krankheiten als der Demenz bestimmte Getränke nicht zu sich nehmen darf oder andere Getränke bevorzugt konsumieren sollte.
+ Zudem existieren in Wetzlar für bestimmte Gäste so genannte Trinkprotokolle. Darin ist für jeden Tag niedergeschrieben, welche Menge welchen Getränks ein Demenzkranker zu sich genommen hat. Die Daten werden anschließend in ein Buch übertragen, das täglich zwischen dem Tageszentrum und den Angehörigen hin- und herpendelt. So sind diese jederzeit darüber im Bilde, ob die tägliche Mindesttrinkmenge erreicht worden ist, die sie gemeinsam mit dem Arzt und dem Team des Tageszentrums festgelegt haben, und wie viel Flüssigkeit sie ihrem Kranken zuhause noch zuführen sollten.
„Wir beobachten jeden einzelnen und sein Trinkverhalten sehr sorgfältig“, sagt Bettina Rath, „wir bemerken Schwierigkeiten und Probleme, erspüren Stimmungen und Wünsche.“ Offensichtlich mit Erfolg. Die jeweilige Mindesttrinkmenge habe man nur sehr selten unterschritten, sagt sie, beim nachmittäglichen Abschied aus dem Tageszentrum habe jeder Gast zwischen 1300 und 1500 Milliliter Flüssigkeit zu sich genommen. Ein Resultat einfühlsamen und strukturierten Tuns. Um einer Dehydration vorzubeugen, wird im „Alzheimer Tageszentrum“ nichts dem Zufall überlassen. Alles hat seinen Sinn, jegliches seine Bewandtnis. So haben sich die Teammitglieder für Gläser entschieden, die unten schmal und oben breit sind, damit die Demenzkranken beim Trinken ihren Kopf nicht zurückbiegen müssen. Sie haben an verschiedenen Örtlichkeiten des Zentrums Stehgetränke aufgestellt, damit auch die so genannten „Läufer“ unter ihren Gästen stets etwas zum Trinken finden können. Sie haben sich, weil dies den Durst der Demenzkranken oder zumindest ihre Motivation wecken könnte, das tägliche Singen von Trinkliedern auferlegt. Sie haben sich angewöhnt, manchem Tagesgast das Glas oder die Tasse nur jeweils zur Hälfte zu füllen, um ihm schneller ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen. Und sie haben für jeden Demenzkranken einen individuellen Trinkuntersatz gefertigt, auf dem gut lesbar der jeweilige Name steht und ein passendes bildliches Motiv zu sehen ist. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Marga Lieb, „oft sagt ein Tagesgast, wenn er seinen Namen auf dem Untersatz liest: Oh, das ist ja mein Glas, und greift danach.“
Sie werden es selbst gemerkt haben, meine Damen und Herren: Es sind viele Kleinigkeiten, die sich in Wetzlar zu einem großen Ganzen fügen. Kleinigkeiten, die nicht viel Geld kosten, sondern in erster Linie Einfühlungsvermögen und Engagement erfordern. Kleinigkeiten, die für sich genommen simpel erscheinen mögen, in ihrer Gesamtheit jedoch ein höchst komplexes System ergeben. Kleinigkeiten, die das Team des „Alzheimer Tageszentrums“ nicht exklusiv für sich gepachtet hat, sondern die jede Altenpflegeeinrichtung übernehmen, ausprobieren, nachahmen kann. Das Projekt des „Alzheimer Tageszentrums Wetzlar“ zur Dehydrationsprophylaxe demenzkranker Menschen könnte als Vorbild für andere Häuser dienen - der „Altenpflegepreis 2006“ soll dafür sichtbares Zeugnis sein. Dass sie den Preis nun bereits zum zweiten Mal in Empfang nehmen dürfen, spricht für die Kontinuität und die Qualität der Pflegenden aus Wetzlar, für die ich stellvertretend nun Marga Lieb, Uta Otto und Bettina Rath auf die Bühne bitten möchte. Ob ihnen dieser abermalige Gewinn zum Eintrag in die Geschichtsbücher verhelfen wird wie ehedem Madame Curie, Jack Nicholson oder Winston Churchill, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Vielleicht spornt es sie aber zumindest dazu an, den „Altenpflegepreis“ des Vincentz Network irgendwann auch ein drittes Mal gewinnen zu wollen. Sollten bis dahin abermals elf Jahre vergehen, wäre es übrigens im Jahr 2017 wieder soweit. Die Jury, das verspreche ich Ihnen, wird Ihren Werdegang ab heute sehr aufmerksam verfolgen ..."
Die Festrede wurde uns freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt vom Autor, dem leitenden Redakteur der Zeitschrift => "Altenpflege" vom Vincentz-Verlag Holger Jenrich.
Und hier ist unser Projekt:
Dehydrationsprophylaxe bei demenzkranken Menschen
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